Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion der Bistumszeitung "Kirche und Leben" übernehmen wir nachfolgenden Artikel zum Entstehungsprozess des Leitbildes der Stift tilbeck GmbH.
Neue Wege bei der Leitbildentwicklung
Schnittmengen gefunden
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| Brigitte Tusch Hülsken (l.) und Silvia Großpietsch haben die neuen Säulen der Zusammenarbeit im Stift Tilbeck mitgestaltet. |
Havixbeck. Am Ende sind es sechs Sätze geworden. Sechs Sätze eines Leitbildes, das eine Orientierung am Evangelium, an den Bedürfnissen und Fähigkeiten aller handelnden Menschen sowie an einer wirtschaftlichen und organisatorischen Umsetzung beschreibt. "Wir nehmen den Menschen als Menschen an", heißt es zum Beispiel in Leitsatz Nummer zwei. Abstrakt - insofern unterscheidet sich das Papier des Stifts Tilbeck mit seinen unterschiedlichen Einrichtungen für Menschen mit Behinderung kaum von vielen anderen Leitbildern. Die fast zweijährige Entstehungszeit erzählt eine andere Geschichte: Eine von Begegnung, von neuer Atmosphäre und erstaunlichen Erkenntnissen für alle Akteure.
"Nach den ersten Gesprächen der Mitarbeiter stand schnell fest, dass wir auch die Bewohner unserer Einrichtung in die Entstehung mit einbeziehen wollen", erklärt Wohnbereichsleiterin Silvia Großpietsch. Denn das Betreuungs- und Pflegepersonal sei irgendwann an eine Argumentationsgrenze gestoßen: "Dort, wo es darum ging, die Fragen der Menschen mit Behinderung zu formulieren und ihre Erwartungen zu konkretisieren."
Raus aus der Abstraktion
Die Idee des gemeinsamen Aktionstages wurde geboren, auf dem sich die Teilnehmer individuell für eine Projektgruppe anmelden konnten. Bei einer so heterogenen Gruppe keine leichte Aufgabe. "Auch die Mehrfachschwerstbehinderten sollten sich mit einbringen können. "Es galt, das Thema "Leitbild" aus der Abstraktion herunter zu brechen auf alltägliche Anliegen, auf einfache Fragen - auf eine Schnittmenge, in der alle Sichtweisen ihren Platz haben konnten.
"Die Reaktion war überwältigend", erinnert sich die "Leitbildbeauftragte" Brigitte Tusch-Hülsken. 244 Anmeldungen und eine große Begeisterung, mit der die Bewohner in die vielen Workshops kamen. Für viele sei das eine neue Erfahrung gewesen: "Das, was ich sage, wird aufgeschrieben und in der großen Runde diskutiert - viele waren sehr stolz auf die Arbeit dieses Tages."
Ein Tag, an dem es verschiedene Ansätze gab. Über Fotos, spielerisch oder in Gesprächsrunden. So habe es bei den Aufforderungen "Ich zeig dir mein Zuhause, du mir deins..." oder "Ich gestalte mir einen Mitarbeiter" wichtige Rückmeldungen gegeben, weiß Großpietsch: "Ich will nicht nur mit einem Betreuer sprechen, wenn es um ernste Dinge geht, sondern auch mit ihm feiern und fröhlich sein, war eine Aussage."
Selbstbewusste Sätze
Selbstbewusste, konkrete Sätze fielen, die bei allen Gedanken anstießen. "Wir sind es, die das Stift Tilbeck mit Leben füllen" steht als Ergebnis ganz oben auf dem Protokoll des Tages. "Auch die nicht behinderten Menschen haben mit eigenen Grenzen und Einschränkungen zu leben", sei eine weitere Erkenntnis gewesen. Eine Aussage ist seither sogar zum geflügelten Wort in der Einrichtung geworden, weiß Tusch-Hülsken. "Das geht nur mit der Hilfe von oben", war die Feststellung der Arbeitsgruppe, die sich mit den Heiligen als Vorbilder beschäftigt hatte.
Gerade die Workshops, in denen sich die Schwestern der Mauritzer Franziskanerinnen "faszinierend engagiert" hätten, seien bei den Bewohnern gut angekommen. "Sie haben von den alten Zeiten berichtet, die schön waren, obwohl sie auch strenger waren", erinnert sich Veronika Kutschke aus einer Wohngruppe in Billerbeck. Auch von jener Zeit könne man etwas lernen. "Zum Beispiel, dass ich in der häuslichen Arbeit mehr eingespannt war." Die 54-Jährige arbeitet heute in einer Werkstatt des Stifts und ist froh, dass sie ihr Anliegen auf dem Aktionstag so unterstreichen konnte: "Wir Menschen mit Behinderung können so viel, und unsere Betreuer können auf der anderen Seite auch nicht alles." Eingespannt sein in den Alltag und in Entscheidungsprozesse bedeute für sie Stolz und Motivation.
Einbahnstraße verlassen
Bei der Präzisierung und letztendlichen Formulierungen der Leitsätze habe dieser Tag eine wichtige Rolle gespielt, sagt Großpietsch rückblickend. "Gerade unsere Kernaufgabe, die Begegnung mit den Menschen mit Behinderung, wäre ohne diesen Aktionstag zu theoretisch geblieben." Der Ansatz sei vorher sehr sachlich und "mitarbeiterorientiert" gewesen. "Diese Einbahnstraße haben wir aber verlassen, indem wir wirklich jeden zu Wort haben kommen lassen."
"Außerdem hat sich atmosphärisch etwas getan", sagt Tusch-Hülsken. Der Kontakt auch unter den etwa 300 Mitarbeitern habe eine andere, nicht alltägliche Dimension gehabt. "Der Arzt und der Betreuer haben sonst nur in sachlichen Fragen miteinander zu tun - hier konnten wir zum Beispiel Fragen der Ethik stellen, die über den einzelnen Arbeitsbereich hinausgehen."
Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Auch wenn die sechs Leitsätze bereits mit Umsetzungsvorschlägen und "Kriterien der Messbarkeit" gedruckt worden sind. Nach einem weiteren gemeinsamen Aktionstag, auf dem die Leitsätze vorgestellt wurden, gehen die Ideen jetzt jeden Tag zurück in das alltägliche Miteinander aller Menschen im Stift Tilbeck. Wie auch in die Messdienerstunde von Pfarrer Hermann Kappenstiel.
Text und Foto: Michael Bönte, 20.01.2005